Gniezno
Gnesen

Gesamtlesedauer ca. 5 Minuten

liegt 50 km nordöstlich von Posen

an der Piasten-Route in der Woiwodschaft Großpolen.

Mein Reiseführer würdigt Gnesen mit einer Seite, wobei der Fokus auf der Kathedrale liegt. Also gehe ich ohne Erwartungen und nur mit der Handycam ausgerüstet los. Ein Fehler, denn die erste Hauptstadt Polens hat viel mehr zu bieten und ich kann keine gescheiten Fotos vorweisen.
Oberflächlich betrachtet scheint das knapp 70.000 Einwohner zählende Städtchen eher durchschnittlich: Ein paar Kirchen, was in Polen nichts wirklich Besonderes ist, eine Altstadt, eine Fußgängerzone und die typischen Annehmlichkeiten einer modernen Stadt. Genauer betrachtet bietet das Stadtgebiet auf seinen 40,9 km² hervorragende Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten mit viel Grün, drei großen und mehreren kleinen Seen. Für die Zukunft ist man Dank sage und schreibe fünf Hochschulen, eine davon technisch ausgerichtet, gewappnet, was dem Kultur- und Wissenschaftsleben der Stadt zugute kommt. Zeitgenossen, für die Geschichte nur für eine unübersichtliche Anhäufung von Namen und Jahreszahlen ist, und dazu zähle auch ich, sollten sich trotzdem Zeit nehmen und ganz genau hinschauen: Die spannende Entwicklung über die Jahrhunderte hat selbst mein Interesse geweckt, allerdings würde das den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Last but not least seien die Piasten-Route, die mehrere historische Orte verbindet, und der polnische Teil des Jakobsweges erwähnt, die durch Gniezno führen.
Jeweils wenige Schritte vom Markt entfernt, finden sich

in allen vier Himmelsrichtungen sakrale Gebäude:

Nördlich, hinter der Häuserzeile mit dem Tourismusbüro, das ab dem 12Jh. errichtete und mehrfach umgebaute Ensemble des Franziskanerkloster ;
Parafia rzymskokatolicka Swietej Trójcy (Römisch-katholische Pfarrkirche der Heiligen Dreifaltigkeit), Gniezno, PolenParafia Wojskowa Najświętszej Marii Panny Królowej Polski (Militärische Pfarrkirche Unserer Lieben Frau), Gniezno, Polenim Osten die  mit einem Denkmal zum 1000. Todestag des hl. Wojciech;
südlich liegt die Pfarrkirche aus dem 15. Jh. und westlich der Dom mit dem Bolesław I Chrobry-Denkmal.

an sich besticht durch einen aufgeräumten Fußgängerbereich in seiner Mitte.
Rynek, Gniezno (Gnesen), PolenGemächlich folgt der Verkehr den Einbahnstraßen um den Marktplatz von Gnesen vorbei an kleinen Geschäften und Lokalen. Die den Markt umgebenen Gassen wurden nach einem Brand im 19. Jh. wieder aufgebaut. Tumska, Gniezno, PolenEiner der ältesten Wege ist die vom Markt zum Dom führende Tumska-Straße, deren klassizistische Gebäude ein gutes Beispiel für das Bauwesen des Bürgertums des 19. Jahrhunderts sind.
Vor mir liegt der

Lech-Hügel,

wo alles begann.
Auffallend viele Städte mit einer bewegten Geschichte wurden auf sieben Hügeln erbaut, so auch hier. Kein Zufall, sondern überlebenswichtige Strategie, sieht man doch von einem Hügel früh genug den Feind herannahen und eine Festung auf einem Hügel lässt sich schwerer einnehmen.
Gniezno war lange Zeit kulturelles Zentrum Polens und wird in einem Atemzug mit den Anfängen des polnischen Staatswesens genannt. Bolesław I Chrobry wurde hier 1025 zum ersten polnischen König gekrönt und war bis 1320 Krönungsort weiterer polnischer Könige, bis schließlich 1331 der Deutsche Orden einfiel.

Die Legende besagt,
dass ein weißer Adler, der in einer Baumkrone seinen Horst baute, Herzog Lech dazu inspirierte, sich auf dem Lech-Hügel ebenfalls sein Nest zu bauen. Aus dem Nest wurde eine Burg und vom polnischen Wort „gniazdo“ für Nest leitet sich der Name der Stadt ab.
Der weiße Adler findet sich sowohl im Wappen der Stadt als auch im Wappen Polens.

In der Nachbereitung der Reise bedurfte es einigen Suchens, um möglichst präzise Jahreszahlen zu erhalten. Dabei stellte sich heraus, dass auch auf offiziellen Webseiten wenig genaue, sich sogar widersprechende Angaben zur Verfügung gestellt werden. Sicher ist, dass bereits in der Steinzeit Menschen sich in der Gegend niederließen. Einig sind sich die Quellen, dass hier ein heidnischer Tempel stand. Ab da wird es schwammig: Um den Tempel wurde im 8. Jh. (?) eine Burg erbaut und aufgrund der wachsenden Bevölkerung mehrfach erweitert, bis um 940 von einem Wehrdorf die Rede war. Weiterhin ist die Rede von zwei Sakralgebäuden, die im 10. und 12. Jh. an der Stelle des Tempel gebaut wurden. Andererseits soll ein zur Erzkathedrale erhobenes Gotteshaus bereits 1018 völlig ausgebrannt und binnen sieben Jahre wiederaufgebaut worden sein. Erst später herrscht wieder Stimmigkeit: Im Jahre 1331 marschierten Kreuzritter des Deutschen Orden ein und zerstörten die

Erzkathedrale von Gniezno

vollständig, deren Neubau erst 1342 durch Erzbischof Jarosław Bogoria auf dem Terrain der zerstörten Kathedrale initiiert und von ihm 1378 eingeweiht wurde. Das gotische Gotteshaus, das mehrmals Feuer fing und einige Erweiterungen und Umbauten erfahren hat, trägt den sperrigen Namen . Der Volksmund nennt sie „die Mutter der Polnischen Kathedralen“. Da mehrere Kirchen nacheinander diesen Flecken schmück(t)en, stellt sich mir die Frage, welche ist damit gemeint?
Bazylika prymasowska Wniebowziecia Najswietszej Maryi Panny w Gnieznie (Primas-Basilika der Himmelfahrt der Jungfrau Maria in Gniezno)Weithin sichtbar sind die beiden hohen Türme, die in der Hauptsaison bestiegen werden können. Glocken hängen hier keine mehr, da aufgrund der Zerstörungen des Gebäudes die Standsicherheit der glockentragenden Türme nicht mehr gegeben war. Der Kirchenrat veranlasste den Bau eines gesonderten Glockenturmes, der 1975 eingeweiht wurde und heute die erhaltenen Glocken trägt. Unter ihnen befindet sich auch die St. Adalbert aus dem 18. Jahrhundert, die zur Gusszeit die viertgrößte Glocke Polens war.
Reliquiar des hl. Wojciech, Bazylika prymasowska Wniebowziecia Najswietszej Maryi Panny w Gnieznie (Primas-Basilika der Himmelfahrt der Jungfrau Maria in Gniezno), Gniezno, PolenIm Inneren der dreischiffigen Kirche sind 14 Kapellen umlaufend angelegt. Im Mittelschiff besticht ein aus Silber geschmiedetes  aus dem Jahre 1662 mit dem des hl. Wojciech. In einem Vestibül zeigt die Ende des 12. Jh. durch einen unbekannten Künstler gefertige Bronzetür von Gniezno sein Martyrium in 18 Schautafeln.

Wem bis jetzt angesichts von so viel Geschichte noch nicht der Kopf schwirrt, kann abschließend noch das eine oder andere Freizeit- und Kulturangebot der ersten Hauptstadt Polens nutzen. Heißer Apfelkuchen im Café Misz Masz, Gniezno, PolenIch beschließe, ein Café zu suchen, dass Oscar und mir Unterschlupf gewährt. Bei Kaffee und Kuchen lasse ich den Besuch in Gnesen ausklingen, bevor ich mich wieder hinters Steuer klemme und meine Fahrt nach Poznań fortsetze.

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Kirche der Himmelfahrt der Jungfrau Maria und des hl. Antonius in Gnesen
Militärische Pfarrei Unserer Lieben Jungfrau Maria
Römisch-katholische Pfarrkirche der Heiligen Dreifaltigkeit
Markt
Primas-Basilika der Himmelfahrt der Jungfrau Maria in Gniezno
Ein auf Säulen ruhender Aufbau über einem Altar. Schon in frühchristlichen Basiliken sollte das Ziborium den frei stehenden Altar über dem Märtyrergrab auszeichnen und schützen.
auch Reliquienschrein
Spezielles, meist künstlerisch und materiell sehr kostbar ausgeführtes Behältnis zur Aufbewahrung der Gegenstände religiöser Verehrung, besonders von Körperteilen oder Teilen des persönlichen Besitzes eines Heiligen.
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