Poncebos: Ruta del Cares (PR-PNPE-3)

Gesamtlesedauer ca. 7 Minuten

der „Pequeño Recorrido-Parque Nacional Picos de Europa-3“
wird als der vielleicht schönste, auf jeden Fall aber als der spektakulärste Wanderweg im Nationalpark gehandelt. Der landläufige Titel „la garganta divina“, die göttliche Schlucht, macht neugierig auf mehr.
Ein Hinweisschild begrüßt die Wanderer mit der Information, dass 12 km Weg vor ihnen liegt, mit Steinschlag zu rechnen ist, es keine Wegbegrenzung gibt und mit anderen Unannehmlichkeiten zu rechnen ist.
Der Wegweiser zeigt nach rechts bergauf und an dieser Marschrichtung wird sich die nächste Dreiviertelstunde nichts ändern, denn es gilt 300 Höhenmeter zu überwinden. Es geht über Kiesel, Steine, Geröll und kindskopfgroße Felsbrocken, die gerne mal unter den Wanderstiefeln wegrollen. Dazu die gleißende Mittagssonne. Es nervt bereits nach den ersten Metern.

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Die steil aufragenden Feldwände
sind beeindruckend. Auf diesem Teilstück geht es nicht senkrecht nach unten. Manchmal kommt ein schmaler Streifen, der vereinzelt Bäume trägt und es geht erst dahinter runter oder es geht im steilen Winkel bergab. Ich werfe aus Neugierde einen kleinen Stein auf ein Geröllfeld und er rollt und rollt und rollt…beängstigend!

Ruta del Cares, Parque Nacional Picos de Europa

Ruta del Cares, Parque Nacional Picos de Europa

Vereinzelt steht eine Ziege rum, doch Oscar zeigt keine nennenswerte Reaktion. Er läuft tapfer voraus, die Bodenbeschaffenheit scheint ihm nichts auszumachen, aber schon nach kurzer Zeit sucht er den Schatten.

Vor mir taucht ein zerfallenes Haus in der Ferne auf
und ich beschließe, nach nur 45 Minuten Wanderung, in dessen Schatten die erste Rast einzulegen. Eine schwache Leistung, aber ich bekomme kaum Luft und will Oscar nicht überstrapazieren.

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Tatsächlich sind es mehrere zerfallene Häuser. Stallungen oder Lagerschuppen (?) und ein massives Haus über mehrere Etagen. Davon habe ich bei der Vorbereitung nichts gelesen. Was mag das gewesen sein? Unterkünfte für die Arbeiter, die den Weg angelegt haben?
Eine Gruppe Männer, auf dem Weg bergab, tummelt sich unterhalb der Ruine und auf dem Hauptweg laufen auch schon wieder Leute bergauf – ganz schön viel Verkehr für die Nebensaison.

Los Collaos“,
auf 500 m Höhe, erreichen wir nach weiteren 15 Minuten. Ab diesem Punkt wird die Strecke als „leicht“ eingestuft. Ein junges Pärchen kommt mir entgegen und bestätigt mir, dass es von jetzt an nur noch ebenerdig voran geht. Eben scheint in Spanien eine andere Bedeutung zu haben als in Deutschland, denn gleich nach dem höchsten Punkt geht es erst einmal deutlich abwärts, um dann wieder anzusteigen. 160 Höhenmeter beträgt der Unterschied im Lauf der Gesamtstrecke, also fast die Hälfte des Erstanstieges.

Höhenprofil der Ruta del Cares

Höhenprofil der Ruta del Cares

Da liegt tatsächlich eine Frau in der prallen Mittagssonne und sonnt sich. Und eine 1,5 l Flasche Wasser scheint ihr zu langen. Mutig!
Vor mir tauchen ein Erklärschild zu den Bauarbeiten, ein sonderbar geformter Fels und ein paar Ziegen auf. Eine kleine Abwechslung, denn die ersten fünf Kilometer ist alles Grau in Grau, karg, öde, schroff und trist.
Ich verfluche die Meteorologen und danke Miguels Mutters, dass sie mir ein Cap mitgegeben hat. Morgen werde ich dafür büßen, dass ich mit Sonnenbrand in den Bergen wandern gehe.

Langsam verändert sich die Landschaft,
der Eingriff des Menschen in die Bergwelt ist nicht mehr von der Hand zu weisen, es wird grüner und die Anzahl der Ziegen nimmt zu.
Die Tiere tragen Ohrmarken, das erklärt ihr fehlende Scheu vor Menschen. Oscar wird plötzlich putzmunter. Alter, egal was Du vorhast, und ich weiß genau was Du vorhast, es ist keine gute Idee! Die Ziegen sind von der Natur für dieses Gelände ausgerüstet, Du nicht. Und ich habe keine Lust Dich von den Hörner eines besorgten Elterntieres abzukratzen. Also, bei Fuß und gaaaanz entspannt!

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Schon eine Zeitlang laufe ich neben „Mauern“ her,
ohne dass ich sie wirklich wahrgenommen hätte. Doch jetzt wird so eine Wand niedriger und einsehbarer: Es ist ein Wasserkanal.

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Eigentlich ist es DER Wasserkanal, weswegen der ganze Aufwand betrieben wurde. Zwischen 1915 und 1921 errichtete ein Stromerzeuger diesen regionenübergreifenden Wasserweg, um Wasser des Cares-Flusses vom Staubecken in Caín de Valdeón (Comunidad de Castilla y León) zum 11 km entfernten Wasserkraftwerk in Poncebos (Principado de Asturias) zu transportieren. Aufgrund der natürlichen Gegebenheiten wurde die ursprüngliche Idee, einen durchgehenden Tunnel zu bohren, verworfen und stattdessen ein Kanal mit vielen kleinen Tunneln gebaut. Um die Wartungsarbeiten zu erleichtern, wurde 1945 damit begonnen, die heute bekannte Route aus dem Bergmassiv zu arbeiten, was bis 1950 andauerte.
Kurz darauf erreichen wir einen Zugangspunkt und ein mehrsprachiges Warnschild weist auf die Gefahr des schnellströmenden Wassers hin. Ich krame Oscars Wassernapf aus dem Rucksack und tauche ihn in das kühle Wasser, dass tatsächlich mit ordentlicher Geschwindigkeit an mir vorbeirauscht. Wenn ich nicht aufpasse, ist der Napf weg. Oscar leert den Napf auf Ex. Ich bin neugierig, tauche den Napf erneut ins Wasser und nehme einen Schluck. Und noch einen, und noch einen, bis der Napf leer ist. Schmeckt! „Iiiih“, werden einige Leser aufschreien, „Du trinkst aus dem selben Napf, wie Dein Hund?“ Ja, tue ich. Zum einen spüle ich den Napf vorher aus, zum anderen pennt der Hund auch bei mir im Bett.
Wir wiederholen das Vorgehen an jeder Stelle, an der ich in den Kanal greifen kann.

Wir nähern uns einer Brücke
über ein Bergflüsschen, dass über den Wegesrand in die Tiefe stürzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier in der regenreichen Zeit ordentlich Wasser vorbeischießt.

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Oscar legt sich erstmal im kühlen Nass vor der Brücke ab. Oberhalb der Brücke lasse ich mich zwischen den Steinen nieder, um es dem entgegenkommenden Wanderer gleichzutun, und nehme einen kräftigen Schluck aus Mutter Naturs Getränkekiste und kühle mein Gesicht, Nacken und Arme. Eine herrliche Wohltat. Oscar kommt an und traut sich nicht wirklich zwischen die Steine. Ich hebe ihn rüber und stelle ihn in einen natürlichem Pool ab. Er freut sich, der Wanderer auf der anderen Seite eher nicht.

Für die ersten fünf Kilometer
habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Das bringt den Zeitplan mächtig durcheinander. Zumindest wird es landschaftlich interessanter.
Oscar läuft tapfer vorneweg. Diverse Pfützen, vom Regen und überlaufendem Kanalwasser, säumen unseren Weg.  Er weiß jede sinnvoll zu nutzen, sei es, um daraus zu trinken oder sich abzukühlen. Er ist halt ein echter Naturbursche.
Eine halbe Stunde später erreichen wir ein Teilstück, dass uns durch eindrucksvolle kurze Tunnel führt.

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Die Anzahl der rückkehrenden Wanderer nimmt zu.
Ich begreife es immer noch nicht: Es ist Vorsaison und ich habe Einsamkeit erwartet, aber das hier ist einfach nur unangenehm. Unangenehm deshalb, weil der Weg im Schnitt zirka anderthalb Meter breit ist. Anders ausgedrückt: Im Idealfall können drei Menschen nebeneinander stehen, wobei der dritte schon direkt am Abgrund steht. So, jetzt kommen mir Leute entgegen, rechts neben mir Fels, links Abgrund und ich bin nicht schwindelfrei. Bei einem Wanderer geht es noch, bei einer Gruppe von vier oder fünf wird mir schon manches Mal mulmig.
Ein spanisches Ehepaar äußert sich lobend über Oscar. Sie haben auch einen Hund und wir unterhalten uns über worüber sich Hundehalter halt so unterhalten. Ich muss noch mit mindestens anderthalb Stunden Wegstrecke rechnen, sagen sie. Das ist doppelt so lange, wie ich aufgrund der Kilometerangaben geschätzt habe. Alles Jammern nutzt nichts, und so laufe ich los, hinein in den landschaftlich schönsten und abwechslungsreichsten Abschnitt.

Die letzten Kilometer
führen über die „Pasarela de los Martinez“, einen Laufsteg, gewidmet  der Bergsteigerfamilie Martinez, der wie ein Schwalbennest am Fels zu kleben scheint. Warum es ausgerechnet hier ein Geländer gibt, wo doch die übrige Strecke ungeschützt ist, kann ich nicht nachvollziehen.

Pasarela de los Martinez, Ruta del Cares

Pasarela de los Martinez, Ruta del Cares

Weiter geht es über Brücken, die an Viadukte erinnern. Wasser schießt aus der Felswand – der Kanal läuft über.
Es wird dunkler, weil die Berge enger zusammenrücken. Wir kreuzen zwei moderne Brücken und nähern uns den Gebäuden eines Stromproduzenten. Eine Treppe offeriert die Möglichkeit, zum Fluss hinabzusteigen, wozu ich aber keine Lust verspüre. Vor uns liegt eine lange Passage, die tunnelartig in den Fels getrieben ist. Das Wasser steht in Pfützen, die Deckenhöhe ist niedrig und es finster. Oscar findet das toll. Terrier haben ihren eigenen Sinn für Humor.

Ruta del Cares

Ruta del Cares

Der Tunnel öffnet sich in Abständen zum Fluss hin. Wie bei einer Loggia beuge ich mich raus und schaue nach vorne zum Staudamm, der das Ende der Tour signalisiert.

Presa de Caín, Ruta del Cares

Presa de Caín, Ruta del Cares

Ich freue mich schon auf die bevorstehende Rast.

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