Wien: Der Wiener Weinwandertag

Gesamtlesedauer ca. 5 Minuten

feiert mit dem Slogan „wein wandern w!en“
heute sein zehntes Jubiläum. Jedes Jahr am letzten September- bzw. ersten Oktoberwochenende treffen sich tausende wanderwütige Weinliebhaber, um die drei Wanderrouten abzulaufen. Anfänglich gab es nur zwei Wanderstrecken mit je rund 10 km Länge, die 2015 durch den „Weinspaziergang Ottakring“ mit kurzen 4,8 km ergänzt wurden.
Mein Fokus liegt heute auf dem vielleicht schönsten Weg: Die 10,8 km der Route 1 von Neustift nach Nussdorf. Der Weg ist kein Rundweg und der Andrang immens, daher empfiehlt sich die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer sich nicht die gesamte Strecke zutraut, hat vier Möglichkeiten unterwegs einzusetzen oder abzubrechen.

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Am Informationsstand
an der Bushaltestelle des 35A packe ich eine Streckenkarte mit Stempelfeld ein. Drei von fünf Stempeln reichen aus, um eine Anstecknadel abzustauben – wenn das kein Anreiz ist! Es geht auch gleich bergauf in die Weinberge. Ich verschnaufe kurz an einer Marienstatue und blicke über Neustift. Hinter dem Berg liegt schon Niederösterreich.

Nussdorf, Wien

Neustift, Wien

Ich kreuze Straßen und durchquere Wohngebiete. Die Gegend strahlt eine dörfliche Ruhe aus. Hinter dem ausgetrockneten Erbsenbach, der nur in der Regenzeit und zur Schneeschmelze Wasser zu führen scheint, erreiche ich in

Sievering
den zweiten Einstiegspunkt, den Gspöttgraben. Dieser asphaltierte Waldweg geht richtig steil und schier unendlich bergauf – das anstrengendste Teilstück der gesamten Etappe. Chapeau, wer hier einen Kinderwagen hochschiebt! Rechts geht es weiter an der Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder vorbei Richtung Weingut Wien Cobenzl. 3,9 km der Strecke sind geschafft und die bisherige Anstrengung rechtfertigt eine Einkehr in den Gastgarten des stadteigenen Betriebes.

Weingut Wien Cobenzl, Wien

Weingut Wien Cobenzl, Wien

Wer jetzt schon schwächelt, kann hier den Bus nehmen. Ich setze meinen Fußmarsch fort, lasse

Schloss Cobenzl
hinter mir und ergötze mich auf der Terrasse des Cafés am überwältigenden Panoramablick über Wien.

Panoramablick vom Cobenzl über Wien

Panoramablick vom Cobenzl über Wien

Bisher spielten Rebstöcke eine eher untergeordnete Rolle, was sich schlagartig ändert. Obwohl ich im Wiener Stadtgebiet bin und das Zentrum zum Greifen nah scheint, wähne ich mich auf einem Ausflug ganz weit draußen im Grünen. Das liegt vielleicht an den insgesamt 680-700 Hektar, die dem Weinanbau zur Verfügung stehen und von 190 bis 230 Winzern bewirtschaftet werden, die jährlich 1,7 Millionen Liter Wein erzeugen. Diese schwammigen Zahlen stammen von der Stadt Wien und variieren je nachdem, ob man in die Wanderbroschüre oder das Internet schaut.

Panoramablick über Wien

Panoramablick über Wien

Während meines weiteren Weges ziehen die weithin sichtbaren Gebäude auf dem Kahlenberg ständig meine Aufmerksamkeit auf sich. Das sind ein Sendemast, die Josefskirche und eine architektonische Zumutung von Hotel.

Kahlenberg, Wien

Kahlenberg, Wien

Mittlerweile bin ich in

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Grinzing
angekommen, dem Stadtteil Wiens, den jeder Tourist sofort mit Heurigem und weinseliger Gemütlichkeit in Verbindung bringt. Auch auf der gesamten Wegstrecke geht es (feucht)fröhlich zu. Traditionsbewusst bieten die Weinhauer (österreichisch für Winzer) unter dem Motto „ausg’steckt is‘“ das Ergebnis ihrer Arbeit an. In der Tat, verdursten und verhungern muss unterwegs keiner: Von der einfachen Schmalzstulle am Stand des Winzers, über die zahlreichen Buschenschanken mit Selbstbedienung, bis hin zum Weingut mit angegliedertem Restaurant ist für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei.
Es geht durch den ruhigen und gemütlichen Ortskern, um den Peter-Alexander-Platz herum zur zweiten Streckenhälfte. Auf der

Königsetappe,
mit ihrer langgezogenen Steigung, heißt es durchhalten, denn die nächsten 5,3 km komme ich weder an Bus noch Bahn vorbei. Jetzt wäre die letzte Möglichkeit abzubrechen.
Gesäumt von Kastanienbäumen geht es erträglich bergauf. Wanderer laufen zwischen den Weinreben herum und naschen Weinbeeren was das Zeug hält. Hat der Winzer die Trauben vergessen? Für den Wandertag hängen lassen? Oder wartet er auf den Frost, um Eiswein zu keltern?
Der Strom der wanderlustigen Weinfreunde teilt sich in zwei Gruppen: Die größere Anzahl folgt gesetzestreu dem Straßenverlauf, während die Ungeduldigen über eine gesperrte Treppenanlage abkürzen.

Wiener Weinwandertag Route 1

Wiener Weinwandertag Route 1

Beide Wege führen zum selben Ziel und nach kurzem Treppensteigen ist der letzte Höhenzug erklommen. Auf dem

Eichelhofweg
habe ich wieder einen atemberaubenden Weitblick über Wien, sogar bis zum Nationalpark Donau-Auen.

Panoramablick über Wien vom Eichelhofweg

Panoramablick über Wien vom Eichelhofweg

Vereinzelt sehe ich Hundeführer, die mit ihrem Hund unterwegs sind. An solchen Tagen verkneife ich es mir, meinen Hund mitzuführen! In Wien herrscht Leinenzwang und das Tier muss die gesamte Zeit bei Fuß gehen. Für des Menschen bester Freund ist das Stress und Anstrengung pur, denn er muss seinen natürlichen Bewegungsablauf, also Gangart, Schrittlänge und Geschwindigkeit, dem Menschen anpassen. Eine Flexileine ist ob der Menschenmassen keine wirkliche Hilfe.
Endlich geht es bergab. Ich komme an alten Befestigungsmauern vorbei und niemand vermag mir zu erklären, was es damit auf sich hat. Selbst das Internet hat keine Antwort parat, bestenfalls einen Hinweis auf die Belagerung durch die Türken.

Befestigungsanlage Eichelhofweg, Wien

Befestigungsanlage Eichelhofweg, Wien

Am letzten Streckenposten tausche ich meine komplett abgestempelte Wanderkarte gegen eine Wandernadel ein. Während ich in

Nussdorf
auf die Bim, die Straßenbahn, warte, grübele ich vor mich hin: Der komplette Streckenverlauf ist ganzjährig zugänglich. Wie läuft es sich wohl ohne den ganzen Trubel und Kommerz?  Wenn ich stattdessen mit meinem Hund in aller Ruhe einkehren könnte, ohne auf einen Platz warten oder mich dazuquetschen zu müssen, das wäre es![DISPLAY_ULTIMATE_PLUS]

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