Capdepera: Castell de Capdepera

Gesamtlesedauer ca. 6 Minuten

liegt auf einem Hügel

oberhalb des 3.100-Seelen-Städtchens. Vom ausgeschilderten sehr kleinen Zentralparkplatz am Carrer de Ciutat geht es zu Fuß immer geradeaus über den Carrer Major an der Stadtverwaltung vorbei und die letzten Meter rechts bergauf.

Am Kassenhäuschen des

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Wehrdorfes

möchte die Angestellte 3 € von mir. Ich zücke meinen deutschen Schwerbehindertenausweis und darf gratis hinein. Oscar darf ebenfalls kostenfrei mit, allerdings unter der Bedingung, dass er angeleint bleibt. Sie gibt mir noch ein Info-Faltblatt mit einem vorgeschlagenen Rundgang mit. Da dieser der Chronologie folgt, beginnt er nicht am Eingang, sondern mittendrin und obendrauf am


Torre d’en Miquel Nunis, Castell de Capdepera, Mallorcaan. Der Turm markiert den höchsten Punkt des 159 m hohen Puig de Capdepera.
Was so unspektakulär vor mir in die Höhe ragt, ist geschichtsträchtiger, als es auf den ersten Blick scheint: Als die Christen 1229 die Insel eroberten, war der muselmanische Wachturm aus dem 10.-12. Jh. das Einzige, das sich auf diesem Gelände befand. Die Lage ist strategisch gut gewählt, denn von hier aus lassen sich die nicht einmal 2 km entfernte Küste und der Menorcakanal gut überblicken.
In ihm wurde 1231 der Friedensvertrag von Capdepera unterzeichnet: Die Muslime erklärten sich zu Vasallen König Jaume I. und durften im Gegenzug ihren Glauben frei ausüben. Das Dokument wird heute in der Pariser Bibliothèque Nationale aufbewahrt.
Sein Sohn, König Jaume II., ordnete im Jahr 1300 die Gründung eines von Mauern geschützten Dorfes unterhalb des Turmes an: .
Torre d’en Miquel Nunis, Castell de Capdepera, MallorcaDer ursprünglich gut zehn Meter hohe quadratische Turm wurde im 19. Jh. zu einem halb so hohen runden Mühlenturm umgebaut. Dass der Turm nicht fertig wurde, lag am Gouverneur, der weitere Bauarbeiten untersagte. Im Innern ist davon nur noch die Wendeltreppe der Mühle erhalten.
Dahinter, und momentan wegen Bauarbeiten nicht zugänglich, befindet sich das

Kirchendach,

das ebenfalls in die Verteidigung einbezogen wurde: Im 12.-16 Jh. wurde entlang der Küste ein Netzwerk von erbaut, deren Wachen mittels Zeichen und Signale über herannahende Feinde warnten. Das System reichte bis nach Palma, wo dann die Verteidigung organisiert und ausgeschickt wurde.
Am Eingang befindet sich eine

Zisterne

Zisterne, Castell de Capdepera, Mallorcaaus dem 14. Jh., von der nur der Ziehbrunnen zu sehen ist. Sinn und Zweck war das Bevorraten von Trinkwasser für den Belagerungsfall.
Unterhalb der Dachterrasse liegt die

Església de Nostra Senyora de l’'Esperança, Castell de Capdepera, Mallorcadie in drei Phasen er- und umgebaut wurde. Vom ersten Bauabschnitt aus dem 14. Jh. ist nur noch eine Kapelle gleich rechts hinter dem Kirchenportal erhalten. Das Sant Joan gewidmete Gotteshaus wurde im 16. Jh. restauriert und das Hauptschiff verlängert. Zu Beginn des 18. Jh. erfolgte die dritte Erweiterung mit den Seitenkapellen.
Ab 1840 wurden keine Messen mehr gelesen, da im Ort eine größere Kirche zur Verfügung stand. Erst ab 1871 wurden hier wieder Gottesdienste gehalten und sie der Jungfrau der Hoffnung geweiht, die im Inneren ausgestellt ist.

Die Legende weiß zu berichten,

dass die Gottesmutter während eines Piratenüberfalls im 14. Jh. die Gegend in dichten Nebel hüllte, der die Freibeuter unverrichteter Ding abziehen ließ.

Entlang der

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Festungsmauer

Castell de Capdepera, Mallorcasetze ich meinen Weg fort. Mir war nicht bewusst, dass selbst Mauern unterschiedlichen Baustilen unterliegen. In diesem Fall handelt es sich um den gotischen Militärstil des 13. und 14. Jh., der im 19. Jh. um Zinnen erweitert wurde. Erst mit der Information, dass es sich um Sandstein und sehr harten Sandstein handelt, kann ich wieder etwas anfangen.
Auf unserem Weg an den Ausgrabungen vorbei, kommt uns ein Hundehalter entgegen, der seinen Hund frei laufen lässt. Wenn es die Aufpasser nicht stört, soll es mich auch nicht stören, trotzdem bleibt Oscar an der Leine und es geht wieder den Hügel hinauf zur

Casa del Governador, Castell de Capdepera, Mallorcaaus dem 18. Jh.. Im 14. Jh. war es Aufgabe der Einwohner, die Festung zu bewachen und zu verteidigen. Im Jahr 1375 veranlasste der Gouverneur, dass die Männern von Capdepera männliche Unterstützung aus Artà erhalten sollten. Es waren schließlich die Bourbonen, die im 18 Jh. einen Wandel einläuteten: Berufssoldaten wurden auf der Burg stationiert, deren Kosten von der königlichen Kasse getragen wurden.

Heute ist hier das  untergebracht. Das Handwerk des Palmblattflechtens prägte Anfang des 20. Jh. maßgeblich die Wirtschaft der Region.
Blick auf Capdepera vom Castell, MallorcaCastell de Capdepera, Mallorca Mir bietet sich ein schöner Blick auf die Stadt und die Anhöhen.
Einmal umdrehen und es geht zwischen ausgegrabenen Fundamenten zur Mauer. In den Ausgucken und Schießscharten ist es beklemmend eng und niedrig.
Nun heißt es die Besichtigung zu Ende zu führen, und so geht es wieder zurück und zur

Casa de la Senyora, Castell de Capdepera, Mallorcadirekt am Eingang. Als ich die Bezeichnung las, dachte ich an etwas Hochherrschaftliches, zumindest an etwas Großes. Laut Faltplan stehe ich davor, doch was ich sehe ist kaum größer als zwei WC-Kabinen. Die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend: Trotz finanzieller Anreize wollte anfangs kaum jemand seine Wohnstätte außerhalb der Mauern aufgeben und sich an einem neuen Ort niederlassen. Die Nachteile, Enge und fehlende Möglichkeit der Tierhaltung, schienen zu überwiegen. So wurde das Wehrdorf auf nur 1/10 der ursprünglich geplanten Fläche erbaut. Es kam, wie es kommen musste: Aufgrund der zahlreichen Piratenüberfalle suchten immer mehr Menschen Schutz innerhalb der Mauern. Die anfänglich 50 Häuser für 200 Einwohner verdreifachten sich bis zum 16. Jh., jedoch blieb es bei den 8069 m² der annähernd dreieckigen Grundfläche. Folglich wurden einfache und kleine Behausungen gebaut, die den Bedingungen des Geländes angepasst waren.
Der Handzettel verweist auf eine Wandmalerei und ich fange an zu suchen. Ganz klein ist an der restaurierten Wand eine stilisierte weibliche Figur zu sehen. Was es damit auf sich hat, dazu schweigt sich das Info-Material aus.
Weitere

archäologischen Ausgrabungen

Ausgrabungen, Castell de Capdepera, Mallorcabefinden sich direkt an der Verteidigungsmauer. Von den bis zu 150 Häusern innerhalb des Kastells sind nur wenige Fragmente erhalten, die bei Ausgrabungen ans Tageslicht kamen. Ein Haus wurde wiederhergestellt, bei anderen nur die Grundmauern.
Ich erklimme die Stufen zum

Wehrgang,

der mir einen hervorragenden Blick auf die Anlage, die Ausgrabungen und das Hinterland ermöglicht.

Castell de Capdepera, Mallorca

Castell de Capdepera, Mallorca

So wie schon Soldaten und Bewohner das Wehrdorf im 19. Jh. sukzessive verließen, bis es 1862 versteigert und schließlich 1983 der Stadt übergeben wurde, so ziehen auch wir uns nach 1¼ Stunden zurück und freuen über einen gelungen Ausflug.

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Miquel Nunis Turm
Miquel Nunis war einer der Verantwortlichen für die Landverteilung während der maurischen Herrschaft.
von cap dela pera, katalanisch für Kap der Birne.
Der Ort, an dem sein Vater durch eine List die Unterwerfung der Muslime von Menorca erreichte.
katalanisch für Wachtürme
Kirche Unserer Lieben Frau der Hoffnung
Haus des Gouverneurs
Museum für Palmblattflechterei
Haus der Herrin

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